Ein neuer Weg
Bipolare Androgentherapie (BAT)
Ein verständlicher Leitfaden zum neuen Studienmedikament der Universität Münster gegen fortgeschrittenen Prostatakrebs
In der Behandlung des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms vollzieht sich derzeit ein bemerkenswerter Wandel. Lange Zeit galt das Prinzip „Entzug ist alles“ – man entzog dem Körper das Testosteron, um dem Tumor den „Treibstoff“ zu nehmen. Doch Forscher des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ) am Universitätsklinikum Münster (UKM) untersuchen nun einen Weg, der zunächst widersprüchlich klingt: die Bipolare Androgentherapie. Hierbei wird das Hormon stoßweise in extrem hohen Mengen zugeführt, um den Krebs zu „verwirren“ und wieder empfindlich für andere Medikamente zu machen.
Art des Medikaments: Ein Hormon als „Therapie-Stoß“
Die Bipolare Androgentherapie ist keine Behandlung mit einem völlig neuen chemischen Wirkstoff, sondern eine neue Strategie zur Anwendung von Testosteron.
1.a. Medikamentenbeschreibung
Bei der BAT wird Testosteron in einer sogenannten supraphysiologischen Dosis verabreicht. Das bedeutet, dass dem Patienten absichtlich viel mehr Testosteron zugeführt wird, als ein gesunder Mann natürlicherweise im Blut hat. Das Ziel ist es, die Krebszellen, die sich an ein Umfeld ohne Hormone angepasst haben, durch eine plötzliche Überflutung unter Stress zu setzen und deren Wachstum zu stoppen.
1.b. Darreichungsform
In früheren Studien wurde Testosteron meist als ölige Lösung (z.B. Testosteron-Cypionat oder Enantat) alle 28 Tage in den Muskel gespritzt. In der aktuellen Forschung am Standort Münster, wie beispielsweise in der neuen DaroBAT-Studie, kommt jedoch auch eine patientenfreundlichere Form zum Einsatz: ein Testosteron-Gel (z.B. Testogel 16,2 mg/g), das auf die Haut aufgetragen wird.
1.c. Medikamenten-Gruppe
Das Verfahren gehört zur Gruppe der Hormontherapien. Da es aber im Gegensatz zum klassischen Hormonentzug steht, wird es oft als „hochdosierte Androgentherapie“ bezeichnet.
1.d. Vergleichbare Medikamente
BAT wird meist eingesetzt, wenn herkömmliche Hormonblocker wie Abirateron (Zytiga) oder Enzalutamid (Xtandi) nicht mehr wirken. Vergleichbar in der Zielsetzung – den Krebs im kastrationsresistenten Stadium (CRPC) zu stoppen – sind auch neue Substanzen wie Apalutamid (Erleada) oder Darolutamid (Nubeqa), wobei BAT diese Medikamente nicht ersetzt, sondern oft deren Wirksamkeit wiederherstellen soll.
2. Wirkmechanismus: Der „Reset-Knopf“ für den Tumor
Der Mechanismus basiert auf einem biologischen Trick. Wenn man dem Tumor über Jahre Testosteron entzieht, bilden die Krebszellen extrem viele Empfänger (Rezeptoren) aus, um auch kleinste Hormonmengen aufzusaugen. Wenn nun plötzlich eine massive Flut an Testosteron (durch die BAT) eintrifft, werden diese Rezeptoren so stark überladen, dass die Zelle den Dienst quittiert. Die BAT wirkt wie ein „Reset-Knopf“: Sie unterbricht den Gewöhnungseffekt des Tumors an die Hormonblockade und kann die Zellen wieder empfindlich für vorherige Therapien machen.
Nebenwirkungen
Obwohl die Gabe von Hormonen zunächst riskant klingt, wird sie in Studien oft erstaunlich gut vertragen.
3. Wahrscheinliche und beobachtete Nebenwirkungen
Häufig treten zu Beginn leichte Beschwerden wie Brustspannen oder eine gesteigerte Libido auf. Da Testosteron die Bildung roter Blutkörperchen anregt, kann das Blut „eindicken“ (Anstieg des Hämatokrits). Dies ist bei der Anwendung als Spritze häufiger zu beobachten als beim Gel. Weitere mögliche Effekte sind:
Wassereinlagerungen (Ödeme) in den Beinen.
Kurzzeitige Verstärkung von Schmerzen (Hormon-Flare) zu Beginn.
Seltene, aber ernsthafte Risiken wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte bei vorbestehenden Herzproblemen.
Positiv hervorzuheben ist, dass viele Patienten unter BAT von einer verbesserten Lebensqualität, mehr Energie und weniger depressiven Verstimmungen berichten, da die typischen Mangelerscheinungen des Hormonentzugs gemildert werden.
Studien: Die Forschung in Münster
Das Universitätsklinikum Münster (UKM) unter der Leitung von Experten wie Prof. Dr. Martin Bögemann ist ein führendes Zentrum für diese Therapieform in Deutschland.
4. Ergebnisse klinischer Studien
Die bisherige Forschung hat gezeigt, dass etwa jeder dritte Patient sehr gut auf die BAT anspricht.
4.a. Ergebnisse vorheriger Studien
TRANSFORMER-Studie (NCT02286921): Hier wurde BAT mit Enzalutamid verglichen. Das wichtigste Ergebnis war nicht nur das Ansprechen selbst, sondern dass Patienten nach der BAT wieder viel besser auf Enzalutamid ansprachen (Resensibilisierung).
BAT + Olaparib (Phase II): In einer am UKM mit untersuchten Studie wurde BAT mit dem Medikament Olaparib kombiniert. Hier zeigten 53 % der Patienten nach 12 Wochen einen Rückgang des PSA-Wertes um mindestens die Hälfte.
4.b. Aktuelle Zwischenergebnisse
Erste Daten weisen darauf hin, dass die BAT besonders effektiv sein könnte, wenn bestimmte Gen-Veränderungen im Tumor vorliegen, aber erstaunlicherweise profitierten in der Münsteraner Kombination mit Olaparib auch Patienten ohne diese speziellen Mutationen.
5. Aktuelle klinische Studien in Münster
Ein Meilenstein ist die neue, am WTZ Münster geführte Studie:
5.a. Die DaroBAT-Studie (EU-Nummer: 2025-521051-23-00) 🟢 Rekrutierend (Teilnahme in Muster möglich)
Diese Studie startete 2024/2025 unter der Leitung von Prof. Bögemann am UKM Münster.
Konzept: Patienten mit metastasiertem, kastrationsresistentem Prostatakrebs (mCRPC) erhalten eine Kombination aus dem modernen Hormonblocker Darolutamid und der BAT (hier in Form von Testosteron-Gel).
Ziel: Es soll bewiesen werden, dass diese Kombination das Krebswachstum länger aufhält als die herkömmliche Standardtherapie.
Wichtigste Teilnahmebedingungen:
Nachgewiesene Metastasierung und Fortschreiten der Erkrankung trotz herkömmlicher Hormontherapie.
Vorbehandlung mit mindestens einem modernen Hormonblocker (z.B. Enzalutamid oder Apalutamid).
Keine schweren Herzerkrankungen oder unkontrollierter Bluthochdruck.
Keine Schmerzen durch Knochenmetastasen (da Testosteron diese kurzzeitig verstärken könnte).
Entwicklung
6. Aktueller Entwicklungsstatus
Die BAT befindet sich derzeit im Übergang von kleineren Phase-II-Studien hin zu großen Bestätigungsstudien (Phase III). Am UKM Münster wird zudem intensiv an „Flüssigbiopsien“ geforscht, um über das Blut vorherzusagen, welcher Patient am besten auf BAT ansprechen wird.
7. Einschätzung zur Marktzulassung
Da Testosteron als Wirkstoff bereits zugelassen ist, konzentriert sich die Zulassung auf das spezielle Anwendungsschema beim Prostatakarzinom.
7.a. Ausblick USA (FDA)
In den USA ist die Forschung durch Zentren wie die Johns Hopkins University sehr weit fortgeschritten. Experten rechnen mit einer offiziellen Anerkennung in den Behandlungsleitlinien bis etwa 2027/2028, sobald die großen Kombinationsstudien (wie DaroBAT) abgeschlossen sind.
7.b. Ausblick Europa (EMA)
In Europa wird die Zulassung vermutlich kurz nach der US-Entscheidung folgen. Ein realistischer Zeithorizont für die breite Verfügbarkeit außerhalb von Studien liegt zwischen 2028 und 2030. Bis dahin ist die Teilnahme an Studien am UKM Münster für Patienten oft der einzige Weg zu dieser Therapie.
Fazit
8. Aussichten
Die Bipolare Androgentherapie ist ein Hoffnungsträger für die personalisierte Medizin. Sie zeigt, dass man durch geschicktes Timing bekannter Hormone den Krebs in die Enge treiben kann. Die Forschung am Universitätsklinikum Münster spielt dabei eine Schlüsselrolle, um diese Strategie sicherer und wirksamer zu machen.
Das Fazit für Patienten
Für Sie bedeutet das: Wenn herkömmliche Therapien an ihre Grenzen stoßen, bietet die BAT – insbesondere im Rahmen von Studien wie DaroBAT am UKM Münster – eine innovative Chance. Sie kann nicht nur den Krebs bremsen, sondern oft auch die Lebensqualität spürbar steigern. Da die Therapie jedoch hohe Anforderungen an die Überwachung (z.B. Herz-Kreislauf und Blutwerte) stellt, sollte sie nur an spezialisierten Zentren durchgeführt werden. Ein Beratungsgespräch in der uro-onkologischen Spezialsprechstunde in Münster ist für Betroffene der erste Schritt, um zu prüfen, ob sie für dieses Verfahren infrage kommen.
Stand: 03/ 2026
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